Gestalten macht Druck - damit beginnt Bewegung
- Fridolin Stülpnagel

- 6. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
„Aber ich will doch keinen Druck machen"
... sagt Rolf. Es klingt wie eine Entschuldigung. Fast so, als müsse er sich rechtfertigen – gegenüber dem Pferd, mir und sich selbst. Rolf ist seit vielen Jahren Führungskraft. Er kennt Verantwortung, Ziele und Erwartungen. Und doch steht er heute mit einem Pferd in der Halle, das keinen Titel, keine Hierarchie und keine Argumente kennt, sondern nur Wahrnehmung und Präsenz.
Das Coaching wurde im Unternehmen als Chance angeboten. Als Möglichkeit zur Weiterentwicklung, als Einladung zu mehr Wirksamkeit. Rolf entscheidet, in welche Richtung das Pferd gehen soll. Äußerlich bemüht er sich um Ruhe, innerlich ist er angespannt. Er gibt einen Impuls – vorsichtig, fast zaghaft. Das Pferd bleibt stehen. Es hebt nur kurz den Kopf. Sonst passiert nichts. Kein Widerstand. Kein Auflehnen. Kein Drama. Nur diese stille, klare Frage bleibt im Raum stehen: „Bist du dir sicher?“
Rolf spürt eine Hilflosigkeit aufsteigen. Doch statt nach innen zu schauen, richtet er seinen Blick nach außen. „Das Pferd ist störrisch“, sagt er.

Beim zweiten Versuch wird der innere Druck stärker. Jetzt weiß er, dass er handeln müsste – und gleichzeitig will er genau das nicht. Sein innerer Widerstand sucht sich Worte, sucht nach Erklärungen: „Warum ist das überhaupt notwendig?“
„Die Freiheit liegt doch beim anderen.“
„Ich will doch keinen Stress machen.“Stille.
Nichts bewegt sich. Frust breitet sich aus. Der innere Widerstand wird zum äußeren Stillstand – und schließlich zum Abbruch.
So könnte der normale Führungsalltag aussehen: Von oben kommt der Auftrag, etwas zu bewegen. Eine Transformation wird ausgerufen, eine Neuausrichtung verkündet.Und wie sieht es oftmals im Inneren der Menschen aus? Unsicherheit. Zweifel. Angst vor Konflikten.
Gestalten macht Druck. Druck klingt negativ, ist jedoch an sich nichts Unnatürliches. Denken wir an Blutdruck oder Luftdruck ist er lebensnotwendig. Die entscheidende Frage ist: Welche Qualität hat er? Lebendiger Druck in der Interaktion ist kein Zerren, kein Treiben, kein inneres Pressen. Er ist klar, angemessen, verständlich und in Beziehung. So wie beim Atmen: Einatmen ist Druck, Ausatmen ist Lösung. Ohne Druck gibt es keine Bewegung.
Ein Pferd folgt nur dann freiwillig, wenn der Mensch innerlich mit dem verbunden ist, was er will. Wenn da kein Zweifel ist, keine Rechtfertigung und kein innerer Widerstand. Gestaltung braucht Sicherheit im Inneren.
Rolf bleibt stehen. Er atmet. Zum ersten Mal schaut er wirklich nach Innen. Er denkt den unangenehmen Gedanken zu Ende: Welche Konsequenzen hat mein Handeln? Dann trifft er eine Entscheidung. Er geht wieder in Beziehung, freundlich und konsequent. Er ist beharrlich, ruhig und entschlossen. Das Pferd zögert einen Moment. Dann setzt es sich in Bewegung.
Rolf hat sich selbst sortiert – und sich damit klar ausgedrückt (Ausdruck!).
Veränderung heißt, Bewusstsein über gewohnte Muster. Mut, um Neues zu probieren. Scheitern einkalkulieren. Sich beruhigen. Mit ruhigem und starkem Herzen Bewegung erzeugen, um freiwilliges Folgen zu bewirken.
Rolf hat seine innere Klarheit gefunden, aus der heraus er angemessen Impulse setzt. Das war seine Transformation. Heute trägt jede Situation in seinem Alltag ein neues inneres Motto: Druck tut gut, wenn er aus Klarheit entsteht. Bewegung braucht Druck. Im Spannungsfeld zwischen Angst und Mut, zwischen Abwehr und Entscheidung, ist Gestaltung möglich.




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